Geschichte der Jugendherbergen


Eine Idee zieht um die Welt
Kurzer geschichtlicher Rückblick auf das internationale und das Luxemburger Jugendherbergswerk

Schulkinder im Gewitterregen

Als Geburtsjahr des internationalen Jugendherbergswerks wird allgemein das Jahr 1909 angesehen. In diesem Jahr wurde der deutsche Volksschullehrer Richard Schirrmann auf einer mehrtägigen Wanderung mit seiner Klasse eines Abends von einem heftigen Gewitter überrascht. Niemand nahm die bis auf die Haut durchnässte Schülergruppe auf und letztlich fand die Klasse Unterschlupf in einer leer stehenden Schule.
In dieser Nacht fasste Richard Schirrmann den Entschluss, ein Netz von Herbergen aufzubauen, in denen Schulkinder bei ihren Wanderungen in Sicherheit übernachten könnten. 1912 eröffnete Schirrmann auf der Burg Altena die erste ständige Jugendherberge der Welt. Mit zahlreichen Mitstreitern gelang es in nur wenigen Jahren, ein Netz von Jugendherbergen über Deutschland zu legen. Die Idee wurde zudem von vielen anderen Ländern aufgegriffen. Erst der Weltkrieg bremste das ungestüme Wachstum ab.


Ein kleines Land als Nachzügler

Luxemburg stand bei dieser Entwicklung noch abseits. Erst 1933 wurde in Luxemburg die erste Jugendherberge eröffnet. Es entstand die erste ganzjährig geöffnete Herberge mit jeweils 34 Betten für Jungen und für Mädchen in einer unbewohnten Villa der Steinforter Eisenhütte inmitten der Ortschaft. Weitere kamen dann noch nach und nach hinzu.

Im Frühjahr 1934 fand die Gründungsversammlung der Ligue Nationale Luxembourgeoise pour les Auberges de Jeunesse statt. Schon kurz nach der Gründung wurde dem neuen Jugendwerk seitens des großherzoglichen Hofes die Schirmherrschaft zugesagt. Als weiterer Meilenstein der Entwicklung kann man die Einrichtung einer Herberge in einem städtischen Bauwerk, dem Stadion der Stadt Luxemburg im Jahre 1935 bezeichnen. Daneben überließ die Stadt der Jugendherbergs-Liga auch gleich einen Büroraum in einem ihrer Gebäude.

1945, nach der Befreiung Luxemburgs durch die US-Streitkräfte, war vom Jugendherbergsnetzwerk der Vorkriegszeit nichts mehr übrig geblieben. Die Häuser waren entweder zerstört oder zweckentfremdet. Doch schon im gleichen Jahr, noch vor dem Ende der Kampfhandlungen, begannen einige frühere Mitglieder den Wiederaufbau des Internationalen Verbandes in die Wege zu leiten. Auch in Luxemburg hatten frühere Ajisten sich daran gemacht, die Jugendherbergsbewegung wieder aufzubauen.

Im November 1946 berief das provisorische Komitee die Gründungsversammlung des zu erneuernden Luxemburger Herbergswerks ein. Als neue Bezeichnung der früheren Ligue Nationale Luxembourgeoise pour les Auberges de Jeunesse wählte man den bis heute gültigen Namen Centrale des Auberges de Jeunesse Luxembourgeoises.
So wurden 1946 erste Kontakte mit früheren Herbergen aufgenommen, und gleich im Sommer standen einige wieder für die Gäste bereit. Das erste Herbergsnetz der Nachkriegszeit bestand aus den 6 Unterkünften: Ettelbrück, Luxemburg-Pfaffenthal, Neumühle, Rodange, Wiltz und für ganz kurze Zeit auch wieder Born. Mit diesen Herbergen und insgesamt nur 148 Betten wurden 1946 über 10.000 Übernachtungen erzielt.


Die Blütezeit des Ajissem

Nach 1950 begann nun, die von älteren Ajisten gerne als „die goldene Zeit“ der Jugendherbergsbewegung bezeichnete Periode. Durch das gemeinsame Wirken während über 25 Jahren von Carlo Hemmer, zuerst als Vize-Präsident und dann als Präsident und Ed Nicolay als hauptamtlichem Sekretär, kehrte die nötige Kontinuität und Ruhe in den noch jungen Verein ein. Schon bald kamen weitere Jugendherbergen dazu: in Burglinster, in Befort und auch in Bettborn. Daneben gelang es Carlo Hemmer, den Staat zu überzeugen, das Schloss von Hollenfels zu kaufen und es den Jugendherbergen zu einem symbolischen Mietpreis zu überlassen. Weil in 1955 die Jugendherberge Neumühle der Sauer die zum See aufgestaut wurde weichen musste, revanchierte der Staat sich später großzügig, indem er den Bau der Jugendherberge in Lultzhausen (1968) gleich am Stauseeufer ermöglichte.

Einige von diesen Standorten besitzen noch heutzutage eine Jugendherberge, während andere im Laufe der Jahre wieder von der Jugendherbergslandkarte verschwunden sind. Insgesamt unterliegt das Netzwerk der Jugendherbergen bis zum heutigen Tage einer permanenten Veränderung.

Mitte der 70er Jahre fiel dann in schöner Regelmäßigkeit die Schallmauer der 100.000 Übernachtungen und auch die Grenze der 4.000 Mitglieder wurde überschritten. Es entwickelte sich in Luxemburg wie auch in den vielen anderen Ländern ein stetes Wachstum, einerseits was die Zahl der Herbergen und Übernachtungen betraf, andererseits aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht.


Vom Jubiläum über ein Rekordjahr in die Krise

In den 80er Jahren geriet der Aufschwung, was die Übernachtungszahlen betrifft, in eine fast 10-jährige Flaute. Zudem musste 1981 die Jugendherberge in Clerf aus Sicherheitsgründen geschlossen werden, wodurch im Norden des Landes eine große Lücke entstand. Auch der Standort Rodange verschwand 1982 definitiv von der Jugendherbergskarte.

Trotz alledem aber wurden die Feiern zum 50-jährigen Jubiläum im Jahre 1984 zu einem großen Fest und auch in den darauffolgenden Jahren entwickelte sich die Jugendherbergsbewegung noch weiterhin sehr positiv. Die teilweise rigide Hausordnung wurde in Frage gestellt und aufgelockert, Freizeitprogramme wurden entwickelt oder von Partnern wie dem Service National de la Jeunesse, dem Service des Sports oder dem Groupe Animateur in den einzelnen Herbergen angeboten. Die Übernachtungszahlen lagen um die 100.000 pro Jahr. In diesem Zeitraum wurde auch die offizielle Altersgrenze, die bisher bei 26 Jahren lag, abgeschafft.

Beinahe unmerklich jedoch rutschte die Bewegung in eine ernste Krise. Einerseits wurde in den guten Jahren versäumt, notwendige finanzielle Reserven anzulegen, andererseits änderten sich die Bedürfnisse der klassischen Klientel rapide. Mehr Komfort und Service waren gefragt. Statt in Schlafsälen zu übernachten, wünschte man kleinere Zimmer und zeitgemäße sanitäre Anlagen. Statt der üblichen, einfachen Herbergskost forderten die Gäste ausgewogene und gesunde Mahlzeiten zu flexiblen Zeiten. Geschirr selber spülen und Bettwäsche mitzubringen wurde zunehmend abgelehnt.

Dazu kam - zu Recht - eine restriktivere nationale Gesetzgebung was die Sicherheit in den Übernachtungsstrukturen für Jugendliche betrifft, und eine Anhebung der sogenannten Minimalstandards der Internationalen Jugendherbergsföderation. Im Klartext hieß dies, dass viele Jugendherbergen in Luxemburg ohne wesentliche Renovierungsmaßnahmen keine Zukunft haben würden. Die negative Entwicklung der Übernachtungs- und Mitgliederzahlen trugen ein wesentliches dazu bei, dass die Stimmung innerhalb der Vereinigung sich rapide verschlechterte.


Erneuerung und Modernisierung

Während einer turbulenten Jahreshauptversammlung wurde 1996 der Vorstand durch eine neue Mannschaft abgelöst, die sich die Professionalisierung der gesamten Struktur und die Modernisierung der Infrastrukturen auf ihre Fahnen schrieb. Die neue Führungsspitze suchte das Gespräch mit den jeweiligen Besitzern der Jugendherbergen (Staat oder Gemeinden), um die notwendigen Renovierungsmaßnahmen in die Wege zu leiten.

Innerhalb der Geschäftsführung wurde ein modernes Reservierungs- und Buchhaltungsprogramm eingeführt und die Möglichkeiten der Internetbuchungen frühzeitig erkannt und genutzt. Die Qualifizierung und Weiterbildung der Mitarbeiter, das Anstreben von Qualitätsstandards und der Ausbau der Programmangebote waren weitere wichtige Schritte.

In einer immer stärker vernetzten und globalisierten Welt kommt dieser offenen Begegnung zwischen den Kulturen und dem friedlichen Brückenschlag zwischen Menschen verschiedenen Nationalitäten eine zunehmende Bedeutung zu. Die Jugendherbergsbewegung sollte daher auch weiterhin ihrer Geschichte treu bleiben und versuchen, ihren eingeschlagenen Weg zwischen Idealismus und Professionalisierung, zwischen wirtschaftlichen Zwängen und ihrer statuarisch festgelegten Mission weiterzugehen, um auch zukünftig ein Angebot anzubieten, das mehr als nur Bett und Brötchen beinhaltet.

Quelle: 75 Jahre Erinnerungen, Abenteuer, Erlebnisse und Freundschaften; CAJL

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